LEGACY - The Voice from the Darkside

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Friday, 16 October 2015 21:40

 

PROPHECY FEST @ Balver Höhle – 19.09.2015

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Ticketpreis: 58,- Euro (VVK) (inkl. Buch und Compilation-CD)

Besucher: 1.250 Besucher

 

Einige Zeit ist verstrichen, bis Prophecy Productions für das 25-jährige Jubiläum einen besonderen Ort für die Ausrichtung ihres Festivals gefunden haben. Kennt man das Programm des Labels, ist klar, dass sich die Bands nicht in einem verrauchten, whiskygeschwängerten Klub präsentieren können. Im Sauerland wurde man schließlich fündig: Die Balver Kulturhöhle bietet alle Annehmlichkeiten einer Konzerthalle, und es war an diesem Tag im Herbst auch gar nicht mal so kalt, nachdem die Sonne knapp nach halb acht am Abend unterging.

Bereits um 12 Uhr ist das Areal gut gefüllt. Pünktlich beginnen CRONE, der Ableger von Secrets Of The Moon- und Embedded-Musikern. Sie machen ihre Sache für den ersten Gig überhaupt ziemlich gut. Die Rocksongs zeigen bereits das Potenzial für den Tag an, aber hauen noch nicht alles kurz und klein. Nur der Gesang von sGolden ist dann doch noch etwas gewöhnungsbedürftig.

Die nächste Gruppe stellt insofern eine kleine Sensation dar, als dass sich LIFELOVER nach dem Tod eines ihrer Mitglieder längst aufgelöst hatten. Prophecy Productions konnten die Schweden für einen weiteren Live-Gig gewinnen, und in der Höhle klingt dann der fiese Schwarzmetal-Depri-Rock noch eine Spur voluminöser. Sie bieten einen guten Querschnitt durch die Alben ihrer Diskografie und nun ja, Image muss auch sein. Der ellenlange Bassist wie auch der kleine, drahtige Gitarrist treten mit blutüberströmten Glatzen auf die Bühne, Sänger ( ) trägt einen blutigen Arztkittel und hätte in diesem Aufzug sehr gut zu den spanischen Grindern Haemorrhage gepasst, zumindest zu irgendeiner Gore-Combo. Überraschungen gibt es beim LIFELOVER-Konzert nicht. Am Ende des Sets übernimmt ein gut betankter Gastsänger noch einige Stücke, mehr grantelt er ins Mikro (Es handelt sich dabei um 1853, der einige Jahre nicht in der Band war, aber jetzt wieder zurückgekehrt ist – Anm.d.Lektorats). Es werden weinende Teeniemädchen in der ersten Reihe gesehen. LIFELOVER wieder erweckt – das war für manche Herzen in der Höhle zu viel.

„Guten Tag. Wir sind vier Hexen aus Kalifornien“, so beginnen AMBER ASYLUM ihren Auftritt. Die Band kombiniert zwei Geigen mit einer Bassgitarre und einem Drumset. Die Musik hat deutliche Doom-Anleihen. Die rhythmische Begleitung, vor allem die Drums, erinnern immer wieder mal an Earth. Was insofern gut passt, da AMBER ASYLUM kein Metal sind, aber das weite Roster von Prophecy verdeutlichen. Ohne jede Stromgitarre erzeugen die vier Damen eine zugleich traurige wie elegisch vorantreibende Stimmung. Manchmal wird man durchaus an die Brit-Doomer My Dying Bride erinnert. Es sind etwas weniger Zuschauer im Höhlenraum, was etwas schade ist, denn die Band war schon lange nicht mehr in Europa zu sehen.

Die erste Zäsur kommt mit CAMERATA MEDIOLANENSE. Die eigentliche Gruppe besteht aus zwei Perkussionisten, dem Sänger, einer Keyboarderin und drei klassisch geschulten Sängerinnen. Zur Feier des Festivals kommen jedoch 30 Chorsänger und -sängerinnen hinzu. Auf dem Prophecy Fest steht die Präsentation des Albums „Vertute, Honor, Bellezza“ an. Findet man bereits auf dem Cover eine etwas kitschige Interpretation des Lolita-Motivs, so legen die Musiker zusammen mit einem 30-stimmigen Chor viel Wert auf Bombast. Das Schlagzeug, vor allem die Snare-Drum, sorgt für den nötigen Druck, die Sängerinnen fügen der Tugend des Takthaltens die Schönheit ihrer Stimmen hinzu. Die Reaktionen des Publikums sind frenetisch; Metalller stehen einträchtig neben Gothic-Gewandeten. Die Italiener freuen sich sichtlich, als es nach dem Konzert noch Standing Ovations gibt. Als Zugabe setzt es noch ein martialisches Percussion-Stück. Vielleicht suchen die Italiener nach dem alten Europa, das es längst – vor allem in ihrer Heimat – nicht mehr geben kann? Dafür wurden schon zu viele Prozesse in Gang gesetzt. Die Mailänder haben etwas Reaktionäres in und an sich, etwas Latinisiertes, verbunden mit dem Kitsch von Italo-Pop.

Welcher Wandel ereignete sich dann um 18:30 Uhr? DARKHER ist die Kehrseite der Klangmedaille – ätherisch intoniert Jayn H. Wissenberg ihre Stücke. Begleitet von MT Wissenberg an der Gitarre, die dieser ab und an mit einem Geigenbogen spielt, und Drummer Winter, dessen Rücken das tätowierte Wort „Rune“ ziert. Das Licht wird blau, die Höhle saugt die Zuhörer ein. Noch ein Bombast direkt im Anschluss hätte die Konzentration zermalmt. So aber löst das Prophecy-Team die Aufgabe eines kohärenten Line-Ups wirklich gut.

In der Umbaupause liest noch WÖLJAGER, hinter dem sich Skald Draugir von Helrunar verbirgt. Sein Projekt beschäftigt sich mit der Sagenwelt im niederdeutschen Raum. Die Lesung findet in der kleineren Nebenhöhle statt, und die Bänke sind alle schon belegt, man muss sich vorne quetschen, um überhaupt noch etwas vom englischen Vortrag zu verstehen. Auch ist leider das Mikro zu leise eingestellt. Für nächstes Jahr im Juli ist bereits eine weitere Folge des Prophecy Fests angekündigt. Gerne dürfen noch mehr Autoren ihre Werke dort vorstellen, wenn sie ins Konzept passen.

Die Veranstalter achteten darauf, dass es keine Headliner-Positionen gibt. EMPYRIUM können aber sicher als einer der geheimen Anwärter auf diesen Thron gewertet werden. Über Tag wurden im Vorübergehen immer wieder Stimmen aufgeschnappt, die die Pioniere des naturmystischen Black Metals als Favoriten bezeichneten. Jedenfalls ist die Höhle ziemlich voll, als die Musiker einen etwas längeren Soundcheck absolvieren. Letztlich fangen sie eine Viertelstunde später an. Dann klappt auch noch das Intro vom Band nicht auf Anhieb. Nach dem dritten Mal läuft es dann endlich. Das Line-Up der Band auf der Bühne ist bereits von den Kirchenkonzerten im Jahr 2013 bekannt. Von Alcest und Dornenreich helfen wieder die bekannten Musiker aus. Was insofern auch schön ist, da auf diese Weise noch mehr Prophecy-Bands auf dem Fest zugegen sein können. Es gibt ja immer Gründe, warum Bands nicht können. Am Eingang wurden Orplid gesichtet. Beim EMPYRIUM-Auftritt stehen sie auf der Empore an der rechten Seite. Eine Orplid-Performance wäre auch etwas Schönes für das Prophecy Fest gewesen. Oder Bethlehem... Ihre Konzerte sind ja auch relativ rar gesät. Gut, zurück zu EMPYRIUM: Schwadorf und Helm spielen sich souverän die Karten in die Hand. ‚Lover’s Grief‘, ‚Mourners‘, ‚Ode To Melancholy‘, ‚Gutter In The Spring‘, ‚Franconian Woods‘ und das noch neue, erst veröffentlichte ‚The Mill‘ tragen zu einer eindrücklichen Atmosphäre bei. ‚The Mill‘ klingt sphärisch, durch das Wah-Wah-Pedal werden sitarähnliche Klänge erzeugt, und der Refrain sticht durch Doppelklargesang heraus.

Doch die Spannungskurve ist noch nicht beendet. TENHI aus Finnland sollen nach acht Jahren wieder eine Bühne betreten und spielen. Ersteres ist weniger das Problem – dafür letzteres: Der Soundcheck in einer Höhle stellt die Crew dann schon vor andere Probleme. Die vier Finnen, die allesamt in Stiefeln auf Holzstühlen mit der Bass- und den Akustikgitarren sitzen, können sich auf dem Monitor nicht hören. Ein gutes Zusammenspiel ist also nicht möglich. Immer wieder spielen sie Stücke an. Zugegen sind auch ein Flügel, ein Drumset und eine Violinistin. Der Beginn des Konzertes verzögert sich immer mehr. Die Fans bleiben geduldig und werden von TENHI mit zeitlos schöner Musik belohnt. TENHI sind jedoch die „leiseste“ Gruppe des Prophecy Fests, was sich im weiteren Verlauf des Auftritts leider schmerzlich bemerkbar macht. Vom hinteren Teil der Höhle rollt Gemurmel, Gequatsche, Gerede heran, was gegenüber der Bereitschaft der Finnen, auf die Bühne zurückzukehren, eine Unverschämtheit darstellt. Die Hoffnung, das Prophecy Fest würde sich von gängigen Festivals etwas unterscheiden, wird zumindest in diesem Aspekt enttäuscht.

Positiv überraschend ist, als plötzlich Eviga und Ínve (Violine) von Dornenreich auf die Bühne kommen und mit TENHI zusammen einen letzten Song spielen. Als sich die Finnen nach und nach von der Bühne verabschieden, bleiben die beiden Tausendsassas sitzen und spielen zwei Stücke, vermutlich von ihrer Akustikscheibe. Leute, die sie erkennen, sind ziemlich aus dem Häuschen. Sehr gute Idee, wer auch immer sie gehabt hat!

Der Abschluss wird laut, die Quatscher verstummen quasi automatisch. VEMOD aus Norwegen achten in der Balver Höhle stark auf das Setting. Hipster-Bärte und schnittige Gitarren weisen die Zuhörer bereits darauf hin, dass VEMOD vielleicht einen klassischen Black Metal-Sound spielten, aber konzeptionell doch mehr oder schlicht anderes im Sinn haben. Es beginnt mit einem dräuenden Intro, einer der Gitarristen singt eine Beschwörung durchs Mikro, während der andere Gitarrist ein Windspiel anschlägt. Ein Zitat Jean Baudrillards fällt in diesem Moment ein: „Speed is not a vegetal thing. It is nearer to the mineral, to refraction through a crystal, and it is already the site of a catastrophe, of a squandering of time. Perhaps, though, its fascination is simply that of the void. There is no seduction here, for seduction requires a secret. Speed is simpy the rite that initiates us into emptiness: a nostalgic desire for forms to revert to immobility, concealed beneath the very intensification of their mobility.“ In einfachen Worten: VEMOD spielen nach dem atmosphärischen Intro so schnell, dass sie still zu stehen scheinen. In der Höhle nimmt solch eine Performance selbstverständlich andere Konnotationen an als in einem Rockclub.

Musik wird zur Höhle. Die Verschmelzung der Performer mit der Location. Beeindruckend.

Text: Dominik Irtenkauf

Fotos: Alex Czech

 

 

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